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Gemeinsam musizieren mit „Jamulus“

Jamulus ist eine kostenlose Software, die es erlaubt, miteinander über das Internet zu musizieren. Die Zeitverzögerung („Latenz“) wird dabei durch verschiedene Maßnahmen auf ein (fast) erträgliches Minimum reduziert.

Diese Informationen sind für meine eigenen Chorproben gedacht und auch so formuliert. Sie könnten aber für Dritte nützlich sein, deshalb habe ich sie öffentlich gestellt.

Woher kommt eigentlich diese Latenz? Es gibt durchaus verschiedene Schuldige! Die Signale werden zu einem zentralen Server gesendet, dort gemischt und wieder zu Dir zurückgespielt. Wir müssen diese Signalkette optimieren.

Was braucht man alles?

  1. Mikrofon. Ein hochwertiges klingt besser, es darf aber auch ein billiges sein, z. B. in einem Headset. Vielen Handys liegt heute so etwas bei.
  2. Computer. Tablets und Smartphones sind leider außen vor. Die Anforderungen an den Computer sind nicht hoch, er muss nicht besonders neu oder schnell sein. Eine Kamera ist nicht nötig. Betriebssystem Windows, macOs oder Linux, alles ist möglich.
  3. Soundkarte bzw. Toneingang des Computers. Das ist Teil des Problems. Die meisten verbauten Wandler sind recht langsam. (Es ist ja auch egal, ob man beim Musikhören den Ton eine Fünftelsekunde später hört.) Idealerweise verwendet man ein externes Audiointerface, aber das wird vielen zu teuer sein. Unter Windows muss man besondere Audiotreiber installieren, die das beste Timing aus der Hardware herauskitzeln. Headsets, die per USB angeschlossen werden, besitzen übrigens eingebaute Wandler.
  4. Internet-Verbindung. WLAN ist träge, man sollte eine Kabelverbindung zum heimischen Router herstellen. Ein Netzwerkkabel kostet 8 € — wenn der Computer einen Netzwerkanschluss („Ethernet“) hat. Ansonsten kämen 11 € für einen Ethernet-USB-Adapter dazu. Die Internet-Verbindung selbst ist in der Regel nicht das Problem: 1 MBit/s Down- und Upstream reichen aus, das schafft selbst ein 16er-DSL-Anschluss.
    Wichtiger ist, dass der zentrale Server schnell erreichbar ist. (Die Zeit dafür nennt man Ping. Ein Ping von unter 20 ms wäre sensationell.) Das hängt davon ab, wieviele Zwischenstationen die Verbindung passieren muss. Das hängt vom Provider ab, diesen Punkt können wir nicht beeinflussen.
  5. Ein zentraler Server, der das alles koordiniert. Darum habe ich mich schon gekümmert.
  6. Kopfhörer. Das Signal kommt vom Server auf dem gleichen Weg zurück, wird durch die Soundkarte gewandelt (= schon wieder Latenz) und landet in Deinem Kopfhörer. Würde man einen offenen Lautsprecher verwenden, würden wir nur ein furchtbares Rückkopplungspfeifen hören. Das Lautsprechersignal wird nämlich vom Mikro aufgenommen, wieder ausgegeben, wieder aufgenommen, wieder ausgegeben, wieder aufgenommen, wieder ausgegeben, wieder aufgenommen, wieder ausgegeben, wieder aufgenommen usw. Eine Schleife eben.
    Von Funk-Kopfhörern rate ich ab. Das erhöht die Latenz noch weiter.

Strategie

Um nicht unnötig viel Geld auszugeben und trotzdem möglichst viele im Boot zu haben, sollten wir für einen ersten Testlauf folgendermaßen vorgehen:

Wir probieren das Ganze aus, und zwar mit der internen Soundkarte Eures Computers. Vielleicht ist sie ja schnell genug. Ihr braucht also nur Mikro und Kopfhörer (am besten ein Headset) und ein Netzwerkkabel. Vielleicht kann man sich das für den Testlauf auch im Bekanntenkreis ausborgen.

Wenn wir mit diesen Maßnahmen eine erträgliche Gesamtverzögerung (< 60 ms) erreichen: OK. Wenn nicht, müsste ein externes Audio-Interface her — oder man nimmt nur als Zuhörer teil, dann ist die Latenz egal.

Einkaufstipps

  • Headset LOGITECH G332 (ca. 29 €) bei Amazon
  • günstiges Headset mit 3,5mm-Klinken-Anschluss (ca. 15 €) bei Amazon
  • günstiges Headset mit USB-Anschluss (ca. 20 €) bei Amazon
  • LAN-Kabel („Ethernet-Kabel“) (ca 8 €) bei Amazon
  • evtl. Adapter Ethernet-USB bei (ca 11 €) bei Amazon

Hat mein Computer eine Ethernet-Buchse für das LAN-Kabel, oder benötige ich einen Adapter? Desktop-PCs haben sie in der Regel, Laptops nur manchmal. Sie sieht so aus:

Ethernet-Anschluss

Wer sich einen hochwertigen Audio-Ein-/Ausgang für seinen Computer gönnen will, z.B. weil er ein kleines Heimstudio betreiben mag, und die Ausgabe nicht scheut, dem seien die Audiointerfaces des Herstellers Focusrite empfohlen. Je nach Anzahl der Eingänge:

Focusrite Scarlett Solo Bundle

Software und Inbetriebnahme

Die Software Jamulus gibt es kostenlos auf dieser Seite. Dort wird auch die Installation für die verschiedenen Betriebssysteme beschrieben. Für Windows-Anwender ohne spezielle Audiohardware mit eigenem Treiber ist die Installation des Treibers ASIO4All beschrieben.

Insbesondere die Seiten Erste Schritte und Nach der Installation kann ich sehr empfehlen. Es soll sogar Leute geben, die das Handbuch (leider nicht deutsch) gelesen haben.

Die Bedienung des Programms selbst ist recht simpel. Im Prinzip handelt es sich um eine Art Mischpult.

Die Internet-Adresse unseres privaten Jamulus-Servers habt Ihr in einer E-Mail erfahren, oder sie steht auf einer internen Webseite. Sie sieht ungefähr so aus: 8******.online-server.cloud. Ihr müsst Euch in der App stummschalten, dann auf Verbinden klicken und dann diese Adresse eingeben.

Weil der vorherige Satz immer wieder ignoriert wird, nochmal langsam zum Mitschreiben: Schaltet Euch stumm, bevor Ihr Euch verbindet!
Typisches Szenario: Man schaltet sich nicht stumm, verbindet sich erfolgreich und realisiert nicht, dass die anderen einen jetzt hören können. Meist hören die anderen: „Karl, es klappt net. Isch wees net, was isch mache soll. Machemol die Kischediah zu!“ Das stört die laufende Probe geringfügig!

Bitte haltet unsere private Serveradresse geheim. Man kann sich in der App auch mit einem öffentlichen Server verbinden und den Kollegen beim Musizieren zuhören.

Testlauf

Der Server ist die ganze Zeit online. Man kann das System also jederzeit* testen — nur ist man dann vielleicht der Einzige. Man kann mit den Pegeln experimentieren und überprüfen, ob das eigene System übertrieben rauscht.

*außer montags bis donnerstags ab 19 Uhr. Da brauche ich den Server nämlich für meine eigene Chorprobe. 😉

Da alle Beteiligten einen Kopfhörer tragen, sind ihre Ohren jedem Störsignal schutzlos ausgeliefert. Bedenke das, wenn Du hustest, Dein Headset auf den Schreibtisch knallst, mit den Kindern zeterst oder aus Versehen Deine Lautsprecher eingeschaltet hast, was zu einem hässlichen Feedback-Pfeifen für alle führt. Du kannst Dein Mikro kurz stumm schalten. (Jamulus-Fenster links: Stummschalten).

Wichtig ist ein guter Mikrofonpegel. Wenn Du sprichst, siehst Du die Aussteuerungsanzeige („Eingang“) links im Jamulus-Fenster. Bei den lautesten Gesangspassagen sollte die Pegel-Anzeige knapp den gelben Bereich erreichen. Im roten Bereich wird Dein Signal sofort stark verzerren. Deinen Mikrofonpegel stellst Du nicht in der Jamulus-Software ein, sondern bei den Toneinstellungen Deines Computers. Wie das geht, ist von System zu System verschieden. Unten bei den Tipps stehen ein paar Hinweise dazu.

Ein sauberer Pegel erleichtert allen anderen das Einstellen eines guten Mixes!

Die Gesamtlautstärke dessen, was Du hörst, regelst Du am Lautstärkeregler Deines Computers wie immer. Mit dem Jamulus-Mischpult kannst Du genau festlegen, wie laut Du alle Teilnehmer hören möchtest (einschließlich Deiner). Stelle bei den Einstellungen unter Audiokanäle bitte Mono-In/Stereo-Out ein. Dann kannst Du die anderen sogar im Stereobild platzieren, z.B. Sopran nach links, Alt nach rechts. Dafür ist der PAN-Regler da (➝ steht für Panorama).

Bitte gib (unter Ansicht ➝ Mein Profil...) Deinen Namen ein, angeführt vom Kürzel Deiner Stimmlage, z. B. S1 Selina. Dann wähle unter Bearbeiten die Option Sortiere die Kanäle nach dem Namen aus. Dadurch wirst Du die anderen Teilnehmer nach Stimmgruppen sortiert sehen. Das ist übersichtlicher.

Die leichte Verzögerung kann ablenken. Konzentriere Dich auch bei der eigenen Stimme auf das Signal, das vom Server kommt, nicht auf das, was Du im eigenen Kopf hörst.

Was tun, wenn’s nicht klappt?

Sehr viele Chorsänger haben es schon hingekriegt, vielleicht kann man sich untereinander helfen? Bei der Mischpult-Bedienung gibt es eine Lernkurve: In den ersten paar Proben übt man noch!

Wenn die Probleme nicht zu lösen sind, man das Mikro nicht zum Laufen bringt oder die Internetverbindung zu langsam und zu instabil ist, kann man immer noch passiv teilnehmen: als Zuhörer. Dabei steht man immer noch besser da als z. B. bei einer Probe über Zoom, denn man hört wenigstens nicht nur sich selbst singen! Wichtig: Wer passiv teilnimmt, muss sein Mikrofon stummschalten, damit er nicht aus Versehen den Klang der anderen kontaminiert. Bei geschlossenem Mikro ist die Verwendung von Kopfhörern nicht mehr zwingend notwendig. (Es klingt aber besser.)

Auch wer den Kopfhörer absetzt, weil er den Arbeitsplatz verlässt, muss sich stummschalten!

Tipps

Wohlmeinende Menschen haben ein paar Tipps aufgeschrieben. (Vielen Dank an Oli Häfele.)

Anleitung Jamulus für Online-Chorproben (Danke an Heiko Ittig!)


Zum Abschluss

Falls Ihr nicht die einzigen Nutzer Eures Computers seid und die Audio-Einstellungen erfolgreich verdreht habt, damit Jamulus gut funktioniert, so denkt bitte daran, das für den Rest der Familie wieder zurückzubauen: Es wäre schade, wenn Euer Kind morgen früh beim Homeschooling, oder Euer Partner bei der Teamsitzung nichts hört usw.


Diese Anleitung wird laufend ergänzt. Ich freue mich über Feedback!
Letzte Änderung: 13.1.21